Allein durch den Iran

Allein durch den Iran, zu Fuß, laufend? Bei den paar Wörtern dürfte wohl dem einen oder anderen die Fragezeichen im Gesicht stehen. Als nächstes stellt man sich dann vermutlich einen sportlichen Athleten vor. Aber das ist das falsche Bild, es ist eine Athletin.  😉

Die von Bergans gesponsorte schwedische Athletin Kristina Paltén hat diese sagenhafte Leistung 2015 mit 44 Jahren erbracht.

Allein durch den Iran

Seit Anfang April gibt es ihr Buch (Leseprobe) nun auch in Deutsch. Auf ca. 340 Seiten berichtet sie ausführlich von ihrem Abenteuer.

1840 km / 59 Tage = ca. 30 km pro Tag. Da man aber nicht jeden Tag laufen kann, liegt damit die tägliches Dosis deutlich darüber.

Wer ähnliche Distanzen ohne Gepäck ein paar Tage hintereinander gelaufen ist, der merkt sehr bald, wie schnell der Körper und vor allem die Orthopädie sagt, jetzt ist gut gewesen. Kaum einer kann heute einen Marathon laufen und am nächsten Tag z. B. eine kleine Trainingsrunde mit 10 km absolvieren, da einem zumindest für ein paar Tage die Muskeln und evtl. auch die Gelenke/Sehnen weh tun.

Wenn man sich vorstellt, dass man jetzt auch noch in der Hitze einen 34 kg schweren Babyjogger (25 kg Gepäck) schieben muss, bergauf, bergab, dann komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wer eine ähnliche Leistung etwas komfortabler erbringen möchte, der kann ja den Deutschlandlauf mit 20 Etappen von Sylt bis zur Zugspitze mit seinen 1300 km wählen.

Die Botschaft, die Kristina in die Welt hinaustragen möchte heißt: 

Ich will mich für eine Welt aus Vertrauen, Offenheit und Neugier engagieren. Und ich möchte selber sehen, ob der Westen und der Islam nicht zusammenleben können.

Einen schönen Eindruck vom Iran bekommt man in ihrem leider sehr kurzen Video.

Kristina Paltén

Kristina Palten
Fotograf: André Larsson

Biografie

  • 1971 in Schweden geboren
  • 2002 mit 31 Jahren mit dem Laufsport begonnen, davor kein Sport
  • 2011 Karlstad – Trondheim 15 Tage, 700 km (erster langer Lauf nur mit Rucksack) 
  • 2013 Türkei- Schweden in 3 Monaten, 3262 km + 493 km mit dem Kajak
  • 2013 Weltrekord auf dem Laufband über 12 h, 107,49 km
  • 2014 Weltrekord auf dem Laufband, über 48 h, 322,93 km
  • 2015 Allein durch den Iran, 1840 km
  • 2018 Schwedischer Rekord im 6-Tage Lauf, 721

Um die Route und die Stationen besser nachvollziehen zu können, habe ich selber eine Karte erstellt.

Allein durch den Iran - Karte mit Tage

Zum Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Prolog vom 18. Reisetag und schon ist man mitten im Geschehen drin.

Danach geht es ganz klassisch um den sportlichen Werdegang, etwas Privates und die Vorbereitung; anschließend wird ausführlich und teilweise emotional über Reise berichtet.

Die Vorbereitung

Damit sich der Körper auf die Belastung einstellen kann, werden die Wochen Kilometer von 100 auf 120 erhöht.

Es ist schon interessant zu erfahren, wie die Menschen auf die Ankündigung einer solchen Reise reagieren, sowohl Iraner(innen), als auch Einheimische. Werden die Skeptiker recht haben oder wird den Waagemutigen das Glück gehören. Selbst potentielle Sponsoren haben lieber abgewunken, bevor es negative Publicity gibt, wenn etwas passiert.

Ein Teil des Projektes ist es Vorurteile abzubauen, aber auch die eigene Angst vor der Ungewissheit was alles passieren kann zu verlieren. Mit psychologischer Beratung erstellt sie eine Auflistung von 22 Ängsten, priorisiert sie und notiert sich, wie sie die Ängste in den Griff bekommen möchte. Für jemanden der sich über die verschiedenen Ängste gar keine Gedanken macht z. B. ob man ins Gefängnis kommt, angefahren wird etc. klingt das schon fast wie eine Psychose; dabei hat natürlich jede Angst auch ihre Berechtigung. Nur wer selber vor etwas Angst hat wie z. B. Höhenangst kann ermessen wie schwer es ist diese Angst zu besiegen und es trotzdem zu wagen. Also Hut ab, dass sie sich da durchgeboxt hat.

Im Rahmen der Vorbereitung lernt sie immer wieder Menschen kennen, die sie in ihrem Vorhaben bestärken und auch unterstützen wollen; sowohl in der Vorbereitung als auch mit zahlreichen Übernachtungsmöglichkeiten bei ihren Familien und Verwandten im Iran.

Allein durch den Iran
Fotograf: Soroush Morshedian

Die Reise

Auf den nächsten 250 Seiten wird man nun auf die Reise mitgenommen und kann sich viele Situationen bildlich vorstellen, wie der Kampf über eine vielbefahrene Straße zu kommen, wenn sich niemand an die bei uns üblichen Verkehrsregeln hält.

36 °C als normale Temperatur im Sommer im Iran und dann komplett in lang zu laufen inkl. Kopfbedeckung; selbst ein leichter Jogginganzug wird da schnell zur Sauna. Und wie muss das Gefühl erst bei 45°C sein? Wer sich schon mal zu warm angezogen hat für einen Lauf oder Wettkampf kennt das mit dem Wärmestau und den Problemen die daraus entstehen können. Neben evtl. Kreislaufproblemen oder Leistungsverlust bedeutet es ein mehr an Schwitzen und natürlich auch Wasser- und Salzverlust; vom unangenehmen Gefühl mal ganz abgesehen.

Ich mag Trails, ich mag die Einsamkeit. Fast 2000 km quasi nur auf den Hauptstraßen zu laufen wäre für mich ein Horror gewesen, ganz abgesehen von der Gefahr durch den Verkehr. Wenn man sich nur mit einer normalen Landkarte bewaffnet, hat man natürlich keine andere Möglichkeit, außerdem hätten Nebenstraßen natürlich mehr Aufwand in der Planung, Umwege usw. bedeutet. Ich frage mich, wie man den Lauf dann noch überhaupt genießen kann.

Wahrscheinlich würde man in China oder Russland die selben Gefühle am ersten Tag haben, lauter unbekannte Schriftzeichen, die Sprache nicht verstehen, die Angst vor dem Scheitern. Und schon geht es nach dem 1. km in ein Restaurant erst einmal richtig frühstücken, zur Ruhe kommen und dann nach vorne schauen.

Die berühmte orientalische Gastfreundschaft kann man sich wohl in unserer westlichen Welt nicht ansatzweise vorstellen. Ungefragt im Restaurant zum Essen eingeladen zu werden mit einem “Welcome to Iran”, beim Bäcker Brot geschenkt zu bekommen und dann noch bei wild fremden Leuten zu einer Übernachtung eingeladen zu werden.

Das Dilemma dabei, wem kann man vertrauen, wenn einem als Frau ein Schlafplatz angeboten wird? Gut, wenn man jemanden im Hintergrund hat der Persisch, Schwedisch und Englisch kann und sich der Sache annimmt und alles koordiniert.

Während wir es gewohnt sind klar zu sagen was wir möchten oder nicht, ist dies in einem Land in dem einem Gastfreundschaft und Hilfe unentwegt angeboten wird gar nicht so einfach; denn man möchte niemanden vor dem Kopf stoßen. Manchmal isst der Gastgeber nur ganz wenig, damit das Essen für den Gast reicht. Am Anfang wundert man sich nur, aber irgendwann schätzt man die Situation richtig ein und ist beschämt.

Es ist beeindruckend wie schnell Kontakte entstehen, gerne möchte man etwas zurückgeben, kann es aber häufig nicht. Die Sanktionen gegen den Iran oder kein Besucher-Visum für Schweden zu bekommen, vermutlich aus Angst das jemand Asyl beantragen würde, sind nur 2 Punkte.

Faszinierend ist zu sehen, wie die Sportart “Laufen” Menschen ganz verschiedener Kulturen miteinander unkompliziert und mit viel Spaß verbindet. 

Ein Blog oder eine Facebook Seite ist immer ein zweischneidiges Schwert, denn je präsenter man wird, desto mehr unschöne Kommentare gibt es. Es ist schade, wie schnell diese neg. Kommentare und Unterstellungen einen den Tag versauen können. Gut, wenn es zeitnah wieder schöne Erlebnisse gibt, die solche Hässlichkeiten in den Hintergrund rücken und neue positive Erlebnisse lassen nicht lange auf sich warten. Neben der Polizei, der Sitten- und Geheimpolizei, gibt es auch noch freiwillige Spitzel, die gerne einem etwas anhängen wollen. Wenn man alles irgendwie falsch auslegen kann, dann kann jede Unterstellung auf persisch in den Kommentaren Unannehmlichkeiten bedeuten. Gut, wenn man einen kurzen Draht zur Botschaft hat.

Fazit 

Die Wechselwirkungen der Gefühle, die vielen unterschiedlichen Erlebnisse lassen einem so richtig teilhaben an der Reise. Mit der Zähigkeit eines Ultramarathonis beißt sie sich durch und gibt nicht auf. Man freut sich mit ihr und man ärgert sich mit ihr. 

Nebenbei kann das Buch auch für viele inspirierend sein, nicht nur wegen unserem schönen Sport “Laufen”, sondern auch wie wir auf andere Menschen zugehen oder wirken und hin und wieder sollten wir sogar unsere Vorurteile hinterfragen.

Stärken

  • Angenehmer, flüssiger Schreibstil
  • Erlebnisse werden gut beschrieben

Schwächen

  • Lediglich im Mittelteil gibt es ein paar Bilder. Es ist schade, dass man so wenig Impressionen von der Landschaft, den Menschen, Gebäuden etc. bekommt. In dem Sinne hätte ich mir das Buch auch gut als eBook kaufen können.
  • Es wäre schön gewesen, wenn es wenigstens eine Karte mit der Route in dem Buch geben würde, damit man Orte, Grenzen usw. besser zuordnen kann.

Wegen den wenigen Bildern, die für mich einfach zu einer guten, lebendigen Reportage dazu gehören, ziehe ich einen Punkt ab. Auch wäre es interessanter gewesen, wenn die wenigen Bilder auf den richtigen Seiten gewesen wären. So hat es mehr den Eindruck von einer Spar-Version bei der Herstellung des Buches, schnell und einfach und kein Aufwand mit dem Layout. 🙁

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