Der Aufstieg der Ultraläufer

Wenn ein Buch mit “Born to run” gleichgesetzt wird in der Artikelbeschreibung, dann liegt die Messlatte schon mal ziemlich hoch und macht natürlich neugierig.  🙂

Das Buch “Der Aufstsieg der Ultraläufer” erschien 09/2019 im egoth Verlag. Es kostet 24,90 € und hat 400 Seiten; es wird auch als eBook angeboten.

Adharanand Finn

Adharanand Finn wurde 1973 in London geboren.

Der Autor schreibt für den Guardian (seine Seite beim Guardian) und ist freier Autor. In England ist er ein Starjournalist.

Running with the Kenyans“ (deutsche Übersetzung: Im Land des Laufens) war sein erstes Buch gewesen und erschien 2013.

“The Way of the Runner” ist sein 2. Buch und erschien 2016, es wurde als “Sunday Times Sports Book” ausgezeichnet.

“Der Aufstieg der Ultraläufer” ist sein drittes Buch und erschien 09/2019.

Der Aufstieg der Ultraläufer

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

  • Prolog (Letzte Etappe vom Oman Desert Marathon, 165 km)
  • 1 (Sein erster Ultra, Oman Desert Marathon)
  • 2 (Zeitachse Ultra-Marathon)
  • 3 (Bruder Rennen in Schottland, 1. Ultra)
  • 4 (Doping + Betrügen in Laufszene)
  • 5 (Besuch bei Zach Miller, div. Interviews in Colorado)
  • 6 (sein erster 100 km Lauf)
  • 7 (Geschichte vom Comrades Marathon, Südafrika)
  • 8 (Comrades Marathon)
  • 9 (Achillessehne und Heilung)
  • 10 (Ring O´Fire, 135 Meilen, 3 Tage)
  • 11 (24 h Rennen)
  • 12 (Kilian Jornet, 100 Meilen Sud de France)
  • 13 (Kenianer und Ultra?)
  • 14 (Interview mit Elisabeth Barnes, Navigationsläufe)
  • 15 (Feldenkrais, Lavaredo Ultra Trail)
  • 16 (FKT, Fastest Known Times)
  • 17 (UTMB, die Tage vor dem Rennen)
  • 18 (Das Rennen)
  • 19 (Rückblick auf das Rennen)
  • Danksagungen
  • Anhang
    • Epilog
    • ATRA
    • Biographien
    • DUV

Die kurze Zusammenfassung

Adharanand beschreibt seine Entwicklung von einem sehr guten Straßen Marathoni zum Ultra-Läufer. Bei dieser Umwandlung liegt der Fokus auf die Vorbereitung für den UTMB, ein Rennen mit 172 km und 10.000 Höhenmetern.

Um am UTMB teilnehmen zu dürfen benötigt man Qualifikationspunkte, die man in einer bestimmten Anzahl an Rennen erlaufen muss. Die meisten sammeln die Punkte über 2 Jahre, er zieht dies in einem Jahr durch.

Hierfür nimmt er an Rennen in Afrika, den USA, Frankreich, Italien und seinen Heimatland England teil.

Durch seinen Bekanntheitsgrad hat er viele Möglichkeiten die Stars der Szene wie Zach Miller zu besuchen und bei Wettkämpfen zu interviewen, so erfährt man einiges über die Stars, aber auch die Geschichte von besonderen Rennen wie den Comrades Marathon.

Von Ultra-Rennen zu Ultra-Rennen wächst er mit den Anforderungen und Distanzen, um dann gut vorbereitet beim UTMB an den Start zu gehen. Was aber nicht bedeutet, dass deswegen alles glatt läuft.  😉

Inhalt und Gedanken zum Buch

Prolog

Der Prolog geht gleich ans “Eingemachte”, Adharanand befindet sich auf der letzten Etappe eines Wüstenlaufs im Oman und nix geht mehr. Bücher wie “Mentaltraining für Läufer” (Meine Rezension), wird er vermutlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennen. Wer schon mal 20 km mit einer Blase gelaufen ist, kann sich vielleicht vorstellen, wie es ist, wenn der ganze Fuß durch Sand wundgerieben ist. Da ist man nicht einfach nur fertig und mit Zucker einwerfen kommt man aus dem Loch wieder heraus, sondern dazu kommen auch noch die permanenten Schmerzen.

Kapitel 1

Von Pontius zu Pilatus oder anders ausgedrückt, vom Marathoni zum Ultra-Marathoni. Ich erlebe es immer wieder, so wie er es auch beschreibt, bei den Straßen-Läufern geht es immer sofort um Zeiten, bei den Ultra-(Trail)-Läufern, um Distanz und Erlebnisse.

Und manchmal braucht es die Überredung einer Frau, um die “Fronten” zu wechseln.

Mein 3. Halbmarathon war ein Trail Halbmarathon mit über 1000 Höhenmetern gewesen. Ich glaube keine 4 km nach dem Start und ein paar 100 Höhenmetern höher, war ich schon fix und fertig und der Puls wollte im Stehen schon nicht mehr herunterkommen. Da merkte ich zum ersten Mal, nur weil man relativ schnell in der Ebene oder im leicht hügeligen Gelände ist, sind die Anforderungen im Mittelgebirge etwas ganz anderes.

Und Adharanand wählt dann gleich ohne jede Wüstenerfahrung ein Etappenlauf aus. Das Sprichwort “Hochmut kommt vor dem Fall”, trifft es wohl ganz gut. 😉 So ganz ohne Glaskugel hätte ich das Resultat wie im Prolog beschrieben erwartet.

Kapitel 2

Haha, alles andere hätte mich auch gewundert, wer einmal vom Trail- und Ultravirus infiziert ist, der kann davon so schnell nicht mehr loslassen. Durch diese besondere Art der Verbundenheit mit der Natur und der körperlichen und mentalen Herausforderung, wird man einfach ein anderer Mensch und das Weltbild kann sich hierdurch durchaus verändern.

Neben seinen Gedanken, wo er den nächsten Ultra laufen möchte, gibt es einen Abriss von den Anfängen des Ultras (6 Tage-Rennen) bis in die Gegenwart. Faszinierend, welche Leistungen im 19. Jahrhundert schon möglich waren, wenn man neben dem Schuhwerk vor allem den Blick auf die heutige Wettkampfernährung lenkt.

Gut finde ich die kritischen Anmerkungen zum Punkte sammeln für den UTMB und wie hier Veranstalter finanziell in die Pflicht genommen werden, wenn sie Qualifikationspunkte anbieten wollen. Hier ist das Buch top aktuell.

Kapitel 3

Wenn man 2 Brüder hat und die auch noch den gleichen Sport ausüben, dann ist klar, dass man sich “battelt”. Nach einem Bruder-Bruder Rennen in den Highlands wird Adharanand erst einmal wieder geerdet. Wenn man Trail-Läufe taktisch wie ein Straßenrennen laufen möchte, dann ist klar, dass man sich sehr schnell eine gute Platzierung verspielen kann.

Beeindruckend wen er so alles kennt. Aber eigentlich auch kein Wunder, wenn man fast in die olympische Auswahl gekommen wäre.

Kapitel 4

Interessant sind die verschiedenen Gründe die hier angeführt werden, wenn Doper und Betrüger überführt werden und in welchem Licht sich die Betroffenen sehen, so dass sie dieses Unrecht selber nicht sehen bzw. nicht wahrhaben wollen.

Zum Beispiel: Ich bin hingefallen und habe so 2 Min. verloren, also ist es in Ordnung wenn ich etwas abkürze.

Kapitel 5

Cool, wenn man von einen der bekanntesten Ultra-Trailrunnern zu seiner Hütte in den verschneiten Bergen von Colorado eingeladen wird, zu der auf den letzten 10 km nur noch ein Fußweg führt, um dann Zach Miller persönlich kennenzulernen.

Kapitel 6

Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selber erlebt hat, dass man aus einem Tief wieder herauslaufen kann. Man fühlt sich elendig, man fühlt sich schlecht, nichts geht mehr und plötzlich macht es klick und es geht wieder vorwärts. Bis es allerdings plötzlich klick macht, können viele Kilometer Leiden dazwischen liegen. Diese Erfahrung konnte auch Finn in seinem ersten 100 km Lauf machen.

Kapitel 7

Die Geschichte vom “Comrades Marathon”, der zum ersten Mal 1921 ausgetragen wurde, ist beeindruckend und demonstriert eindrucksvoll wie der Laufsport zu einem fairen miteinander beitragen kann. Das einzige was zählt ist die Begeisterung für den Sport und nicht die Hautfarbe oder das Geschlecht. Ab 1975 durften offiziell Frauen und Farbige teilnehmen, nachdem es zuvor schon inoffizielle Teilnehmer gab. Wenn man sich vorstellt, dass 1923 die erste Frau (inoffiziell) das Rennen über 90 km beendet hat, dann kann man nur schwer nachvollziehen, dass bei vielen Marathonveranstaltungen Frauen erst in den 80er eine Starterlaubnis bekamen.

Laufen sorgt für ein gemeinsames “Wir” und hat damit zu politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen vor allem in Afrika beigetragen.

Kapitel 8

Jeder Trail- und jeder Ultra-Marathon ist etwas besonderes, es kann Ruhe und Einsamkeit sein oder auch besondere Stimmungen beim Start, an und auf der Strecke, bei denen die Emotionen hochkommen.

Die Atmosphäre mit afrikanischen Gesängen und Musik von Vangelis beim Comrades kann man sich gut vorstellen, wie das einem unter die Haut geht.

Auch in diesem Kapitel ist es wieder beeindruckend mit wie vielen Menschen Adharanand zusammen kommt und interviewen kann. Irgendwie scheint fast jeder Ultra-Läufer eine besondere Geschichte zu haben, wie er Ultra-Läufer wurde.

Kapitel 9

Durch Überlastung oder wie in seinem Fall durch eine Änderung des Laufstils kann die Achillessehne schnell gereizt reagieren. Die eine Heilmethode für alle gibt es leider nicht und so beginnt die übliche Reise von Arzt zu Arzt und das Probieren von verschiedenen alternativen Heilmethoden.

Geholfen hat im ihm dann die “Anatomie der Bewegung” (Anatomy in Motion) von Gary Ward. Dort wo das Problem ist, liegt nicht immer die Ursache. Leider findet man zu dieser Heilmethode relativ wenig Informationen im Internet.

Kapitel 10

Ring O´Fire ist ein Lauf über 135 Meilen (216 km) mit 4000 Höhenmetern in 3 Tagen auf der Isle of Anglesey in Wales. Was tut man nicht alles für 5 UTMB Punkte. Mit jedem Ultra lernt man dazu, sammelt Erfahrungen und setzt die Schwerpunkte neu.

Und er merkt, wie wichtig doch ein Team sein kann.

Kapitel 11

Die Leiden in einem 24 h Rennen und dann am Ende kommt die “Selbst-Transzendenz”, wie Adharanand dieses “Schalter umlegen” beschreibt, als mit dem Aufgang der Sonne und eine Laufpose fürs Foto machen die alten Kräfte unvermittelt wieder da und die Schmerzen wie gefegt sind.

Kaum vorstellbar, aber es gibt Menschen, die Laufen nur solche Rennen für dieses unglaubliche Gefühl.

Kapitel 12

Rückblick auf den vergangenen UTMB und ein Porträt von Kilian Jornet und seinen unglaublichen Leistungen.

“100 Meilen Sud de France”, sein dritter Ultra in 5 Wochen. 100 Meilen in den Bergen mit Kletterpartien unterwegs zu sein und dafür knapp 40 Stunden zu benötigen ist eine unvorstellbare Leistung.  Die Lektion mit “Schmerzen zurecht kommen” hat er schon gelernt, ebenso “aus Löcher herauslaufen können”; nun folgt eine neue Erfahrung mit Halluzinationen. 

Kapitel 13

Adharanand stellt sich die Frage, warum es keine Kenianer in der Ultraszene gibt und macht sich auf die Suche nach einen Kenianer, der bereit ist an einem 50 Meilen Rennen teilzunehmen. Francis Bowen (2:08 h Marathonzeit) lässt sich auf diesen Versuch ein, bricht aber das Rennen mit einem Wehwehchen (aus Sicht eines Ultraläufers) ab.

Interessant hierbei ist die (afrikanische) Einstellung zum Körper. Es tut etwas weh, also höre ich auf; anstatt durchzubeißen und eine Verletzung zu riskieren. 

Kapitel 14

Interview mit Elisabeth Barnes, MdS (Marathon de Sables) Siegerin mit Schwerpunkt Ernährung.

Navigationsläufe sind bei uns relativ unbekannt und sehr selten. In Schottland ist das aber eine beliebte Art nur mit einer Karte durch unwegsames Gelände zu navigieren.

Kapitel 15

Die Feldenkrais Methode (Wikipedia) lernt einem neue Bewegungen aus dem Unbewussten zu übernehmen. Versuchen wir Änderungen bewusst umzusetzen, verkrampfen wir und für das Gehirn sind dies Alarmsignale – ein interessanter Ansatz. Interessant, wie er sich, wie er selber sagt von einem katastrophalen in einem harmonischen Laufstil gewandelt hat und seine Achillessehnenprobleme der Vergangenheit angehören. 

Auf zum nächsten Ultra, den Lavaredo Ultra Trail in Italien. Und nun rollt es und zwar so gut, dass er es selber nicht fassen kann.

Kapitel 16

Beim FKT (Fastest Known Times) geht es darum, auf einer bekannten Strecke möglichst die schnellste Zeit zu laufen. Die Ultraläufer Peter Bakwin und Buzz Burell haben sich diesen “Spaß” 2005 einfallen lassen. Auf ihrer Webseite muss ein Teilnehmer nachprüfbar alles dokumentieren.

Runner´s World hat einen urbanen 240 km langen FKT in London als Staffellauf ins Leben gerufen. Es widerspricht ein wenig den Charakter vom FKT, aber warum nicht eine neue Version davon ins Leben rufen; nicht jeder mag Trails.

Ein 2. FKT (Ring of Fire 1) Lauf als Unterstützer für seinen Bruder in den Highlands. Es folgen weitere Betrachtungen zu FKT u. a. zu Kilian Jornet.

Kapitel 17

Es geht zum UTMB (Ultra-Trail du Mont-Blanc) nach Chamonix. Jim Walmsley hat sich auf dieses Rennen beispielsweise mehrere Wochen in den Bergen mit ca. 225 km pro Woche und 15.000 Höhenmeter vorbereitet, Kilian lief kurz davor noch Sky-Races.

Als Journalist für die Financial Times hat er wieder die Möglichkeit mehrere der Top-Athleten zu interviewen.

Kapitel 18

Gefühlte -10 °C, Schnee und Regen sind für den Renntag angekündigt und das in den Bergen, hochalpin, wer das noch nicht erlebt hat, kann sich so etwas nicht vorstellen, dazu über 40 h ohne Schlaf. Die Strapazen sind kaum vorstellbar. Wie gut, wenn man Freunde, Familie und Mitläufer hat, so dass man durch die Tiefen getragen wird.

Kapitel 19

Es folgt der Rückblick auf das Rennen, die Bewertung der Geschehnisse und die Erkenntnisse daraus. Es folgen Interviews und eine kleine philosophische Abhandlung über diese intensiven Gefühle beim Laufen.

Danksagungen

Liest man sich die Danksagungen durch, dann erlebt man noch einmal seinen Werdegang und wie viel man durchs Ultralaufen erleben kann, in vielerlei Hinsicht.

Fazit  

Die Faszination von “Born to run” kann das Buch in meinen Augen nicht ansatzweise erreichen. Da fehlt es einfach an Esprit, an Charisma. Ebenso finde ich, dass es nicht als neues Standardwerk zu bezeichnen ist, wie es in der Verlagsinformation zu lesen ist.

Schiebt man die heroischen Eingangsworte in der Artikelbeschreibung aber zur Seite, werden sich vermutlich die meisten (Ultra) Marathoni in den Erfahrungen wiederfinden. Jeder der sich zum Ultra-Trailläufer entwickeln möchte bekommt einen realistischen, guten und vor allem ungeschönten Eindruck davon was auf ihn zukommt und hierin liegt vor allem die Stärke in dem Buch. Mit den zahlreichen Interviews mit bekannten und weniger bekannten Stars der Szene bekommt man Einblicke in die Welt hinter den Stars, die man sonst so nicht bekommt.

Gefiel mir gut

  • angenehmer Schreibstil
  • Interviews und Hintergrundwissen
  • die ungeschönten Berichte und Erfahrungen

Gefiel mir weniger

  • keine Bilder von seinen Läufen, lediglich bei den Porträts im Anhang
  • die Sprünge in den Kapiteln z. B. Lauf-Bekanntschaft treffen, dann Bericht zu Doping/Betrügereien, wieder Lauf-Bekanntschaft.
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