Laufen bis es knallt

Die einen sammeln Briefmarken, die anderen Marathons. Einer der bekanntesten Marathonis ist Joe Kelbel (Homepage) und zwar im In- und Ausland. Diesen “Status” hat er nicht durch besondere Leistungen im Sinne von Schnelligkeit erreicht, sondern durch unzählige Teilnahmen an vor allem internationalen Marathon- und Ultramarathon Veranstaltungen fernab vom Mainstream.

Sein erstes Buch “100 km für ein Bier” (Rezension) hat mich damals als Neuling in der Trailszene total begeistert. Nach einem 3/4 (Bericht vom PfalzTrail) und einem ganzen Trail Marathon (Bericht vom Heidelberg Marathon) konnte ich zwar vieles von seinen Erlebnissen und Strapazen immer noch nicht so richtig nachempfinden, aber ich hatte zumindest schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf die besonderen Leistungen bekommen.

Das Buch “Laufen bis es knall” ist 2017 im mainbook Verlag erschienen.

Ich bin schon ganz gespannt auf die neuen Geschichten und Erlebnisse.

Wer sein erstes Buch kennt, der ahnt schon, dass der Untertitel “Pleiten, Pech und Pannen” garantiert nicht übertrieben ist. 

Und wer den Humor und den Schreibstil von Joe Kelbel kennt, der weiß, dass uns der Titel “Laufen bis es knallt” etwas sagen möchte.  😉

Wenn die Wörter “Laufen” und “knallen” in einem Zusammenhang genannt werden, dann fällt mir als erstes die Achillessehne ein, denn die knallt nämlich üblicherweise, wenn sie reißt, ob das hier wohl gemeint ist? 

Joe Kelbel

Beruf: Läufer (er hat das Hobby zum “Beruf” gemacht)

Er reist von Land zu Land und nimmt an bekannten und meistens völlig unbekannten Marathon und Ultramarathon Veranstaltungen teil.

Er schreibt auf trailrunning.de und marathon4you.de

Marathons läuft er jetzt seit über 20 Jahren. Es reicht ihm, wenn er vorm “cut off” ins Ziel kommt. Die Erlebnisse und der Genuss an der Strecke sind immer wichtiger als Bestzeiten.

"Laufen bis es knallt" von Joe Kelbel

Inhalt

In dem Buch lässt er uns an 18 Marathon und Ultramarathon Veranstaltungen (2009 – 2016) teilnehmen, geschmückt mit 60 Bildern auf knapp 220 Seiten.

Zart besaitet darf man bei sehr bildhaften Sprache nicht sein und wer bei jedem Wehwehchen beim Doc ist, wird wohl Kopf schüttelnd das Buch schnell wieder an die Seite legen.

Das Vorwort ist einfach genial

…Montags Sepsis, freitags Intensivstation. Montags Herzflimmern, mittwochs Herzoperation. Das bin ich….

Apropos “zart besaitet”…

  • Kapitel 3: “Uh, das schmerzt. Der Ringfinger ist jetzt 2 Etagen tiefer”.
  • Kapitel 6: Riss der Achillessehne beim 100 Meilenlauf (Beschreibung der Operation mit mehreren Fotos, nichts für zarte Saiten)  😉
    • Wie kann man noch 120 km mit einer gerissenen Achillessehne laufe. Blasen und ähnliches dürften ein Witz dagegen sein.
    • Und dann noch 6 Wochen warten, bevor man zum Arzt geht… 
    • Aber zuvor noch am “Matterhorn Ultraks” teilnehmen, siehe weiter unten.

Die Läufe absolviert er in Italien, Elsass, Luxemburg, Holland, Deutschland, Schweiz, Finnland, Kenia, Portugal, Marakko, Philippinen und Spanien.

Alle Strecken sind für ihn Willkommen, flacher oder hügeliger Stadtlauf, Trails im Gebirge usw.

Würde man das läuferische in seinem Büchern ausblenden, dann bekommt häufig einen guten Geschichts- und Landeskunde Unterricht. So bildlich wie er erzählt, sind auch diese Hinweise amüsant zu lesen, mal mit Ironie, mal mit Lebensweisheiten gespickt. Am Ende des Buches gibt es einen allerdings schon zu denken, so viele Kriege, Kolonialzeit etc. oder auch die Spuren unserer eigenen Kultur, der Kelten.

Manches geht einem aber auch unter der Haut, so wie der Bericht zum 100 Meilen Lauf in Berlin. Einmal um Berlin herum, entlang der Mauer. Der Lauf ist extrem geschichtsträchtig, an gefühlt 1000 Stellen wird den Schicksalen gedacht; die ein Leben in Freiheit verbringen wollten und dabei starben.

Was es nicht so alles gibt, wie z. B. das Matterhorn Ultraks, ein Rennen aus einer Kombination aus Tourenski (48 km, 4800 Höhenmeter) und Trail (46 km, 3600 Höhenmeter).

Laufen in Finnland ist wohl fast so “lustig” wie in Island, bei den Wörtern versteht man rein gar nichts und viele Wörter lesen sich einfach lustig wie z. B. Töröö. Der VP (Verpflegungspunkt) heißt Virkistysasema.

Gegenüber dem 1. Buch (100 km für ein Bier, Rezension) sind die Läufe im ersten Teil nicht spektakulär, aber nichtsdestotrotz faszinierend zu lesen. In der zweiten Hälfte kommt dagegen so richtig das Fernweh auf.

In Kapitel 11 geht es nach Kenia. Das ist schon krass, wie sich hier die Weltelite die Klinke in die Hand drückt. Respekt, hier als normalo trotzdem mitzulaufen. Hier herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, dazu noch die vielen verschiedenen Sprachen und Dialekte. Kinder rufen: Muzungo, Muzungo. Weißer Mann, der sinnlos herumirrt. 

Der Ausdruck kommt noch aus der Zeit, als Forscher aus Sicht der Afrikaner “sinnlos herumirrten”. Wenn man sich vorstellt, jeder läuft, wie ansteckend das sein könnte,  anstatt die Bequemlichkeit vorzuziehen.

In den Kapiteln 15 und 16 geht zu Etappenläufen nach Marokko, im Kapitel 17 zu den Philippinen und mit Kapitel 19 endet das Buch mit einem Lauf über 6 Tage in Spanien. Pleiten, Pech und Pannen begleiten ihn auch weiterhin und man kann sich nur wundern, welche körperlichen Belastungen noch bei Verletzungen möglich sind, wenn der Wille stark genug ist. Kann man sich vorstellen, dass sich Dornen durch die Schuhsohle bohren?

Fazit  

Ich mag die Bücher von Joe, sie sind erfrischend anders; es geht nicht um Leistung. Für mich lebt er das Motto: Dabei sein ist alles. Während es im ersten Buch um die Freude des Finisher-Bieres ging und ihm dafür keine Strapaze zu groß ist, ist dies nun eine Sammlung von Läufen, wo eben nicht alles glatt läuft. 

Betrachtet man das Buch von einer anderen Seite, könnte es auch ein Motivationstrainer sein. Wie man so schön unter Läufern sagt: Aufstehen, Krönchen richten, weiter laufen.

Ein tolles Buch für jeden Trail Läufer, insbesondere für die mit Fernweh.

Stärken

  • angenehmer, flüssiger Schreibstil mit einem besonderen Humor
  • Viele Bilder die den jeweiligen Kapiteln zugeordnet sind, so dass auch Story + Bild zusammen passen; also keine Fotoseiten im Mittelteil oder ähnliches. Mit der Anordnung der Bilder hat sich der Verlag hier viel Mühe gegeben. Im 1. Buch (als eBook gelesen) war dies nicht so gut umgesetzt gewesen, was ich sehr schade fand.

Schwächen

  • nix

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